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GRUP
YORUM ("Gruppe Kommentar")
"Unsere Lieder werden nicht schweigen" Grup Yorum wurde 1984 in Istanbul von kritischen StudentInnen gegründet. In einer Zeit, in der die Repression gegen die Bevölkerung erneut zunahm, die systematische Entpolitisierung durch die Regierung voranschritt und die kurdische Bevölkerung zunehmend Zielscheibe brutaler Militäreinsätze wurde. Die Gruppe trifft sich in einem Kulturzentrum in Istanbul, das bis heute fr die linken Kulturschaffenden ein wichtiger Ort geblieben ist. Dort singen, tanzen, lesen, spielen sie Theater für die Bevölkerung. Veranstaltungen, Filmfestspiele, kulturelle Workshops sollen einer breiten Bevölkerungsschicht die Möglichkeit geben, sich mit dem kritischen Kulturschaffen auseinanderzusetzen. Die Ideologie der revolutionären Kunst, die das "Ortaköy Kültür Merkezi" vertritt, ist denn auch ein Dorn im Auge der Istanbuler Sicherheitskräfte. Grup Yorum tritt, wenn alles normal läuft, mit sechs MusikerInnen auf. "Da meistens mindestens jemand von uns in Untersuchungshaft ist, haben wir gelernt, auch mit reduzierter Besetzung zu spielen oder aber die fehlenden durch andere KollegInnen zu ersetzen." (Für die Europatournee wurde, trotz langwieriger Bemühungen, Pässe zu bekommen, schließlich nur vier MusikerInnen die Ausreise bewilligt. Sie fanden zum Glück einen Ersatz: "Unsere Freunde im Exil ...", ein türkischer Flüchtling aus Paris sprang ein.) "Unsere Musik hat eine lange Tradition" Die türkische und insbesondere die kurdische Volksmusik ist sehr alt. Ihre Ursprünge liegen Jahrtausende zurück. Zu den ältesten kurdischen Überlieferungen gehören die heute noch auf dramatische Weise rezitierten Volksepen. Die MusikerInnen profitieren von einem reichen kulturellen Erbe, einem Schatz aller Melodien, Rhythmen und Verse. Noch gibt es alte Frauen und Männer, die nie zu Papier gebrachte Lieder vorsingen können. Eine systematische Erfassung der mündlich überlieferten Volksmusiktradition hat es nie gegeben. Grup Yorum ist der anatolischen Musik nachgegangen und hat viele alte traditionelle Weisen aufgenommen. In den Dörfern, auf den Bergen, bei Hochzeiten und Trauerfesten haben sie den Alten zugehört und aufgeschrieben; auch kurdische Lieder. "Wir können uns jedoch nicht mit der alten Volksmusik begnügen. Rhythmen, Instrumente und die Form der Darbietung genügen den Ansprüchen der heutigen Zeit nicht mehr. Wir müssen neue Formen finden, die der aktuellen Situation unseres Landes gerecht werden. Nur so können wir auch den Alltag der Bevölkerung, ihre Probleme, ihre Freuden , ihre Sorgen und Wünsche in unseren Liedern aufnehmen." Grup Yorum sah sich also gezwungen, neue Instrumente zu integrieren, um auch schnelle Rhythmen spielen zu können. "Die traditionellen Instrumente Laute (saz), Flöte und Schalmei (zurna) sind für uns nicht genug. Sie folgen dem Prinzip einfacher Rhythmen, die oft durch Klatschen unterstrichen werden. Wir brauchen Instrumente, mit welchen wir jedoch schnellere und kompliziertere Rhythmen und mehrstimmige Harmonien spielen können. Klavier, Schlagzeug und Gitarre sind wohl gute Ergänzungen, um den alltäglichen Rhythmus unserer ArbeiterInnen gerecht zu werden." Heute sind es nicht mehr die langsamen, einstimmigen Schritte des Bauern oder das Klopfen von Bulgur, die beim Singen den Takt angeben. Straßenlärm, Fließbänder und Gewehrsalven haben sich einen Platz in der Volksmusik erobert. "Wir gehen zu den Menschen auf die Straße, vor die Fabriken, in die Gecekondus (Armenviertel), wir treffen sie dort, wo sie ums Überleben kämpfen, wo sie ihre Arbeitskraft zu niedrigsten Löhnen verkaufen müssen. Denn nur so können wir ihren Rhythmus aufnehmen. Wir demonstrieren mit ihnen, damit wir die Protestrufe in unseren Text integrieren können. unsere Musik entsteht dort, wo immer sich das Volk befindet." Die alte Volksmusik fand ihren Ausdruck vor allem in der Ozan-Tradition, eine mit den europäischen Troubadours vergleichbaren Solomusik. Der Barde zog alleine mit seinen Liedern und seinem Saz von Dorf zu Dorf. Er sang und rezitierte - meist jahrtausende alte Erzählungen - wo es ihn ankam., wo die Leute ihm zuhören wollten. um jedoch möglichst viele Menschen zu erreichen und sie auch aktiv teilnehmen zu lassen, hat sich Grup Yorum entschlossen, die Tradition zugunsten eines offeneren Stils, in dem der Chor eine wichtige Rolle spielt, aufzugeben. "Auf manche Leute mag unsere Musik vielleicht ein bißchen befremdend wirken. Sie werden sich aber daran gewöhnen, denn diese Musik wird die Musik der Zukunft und des Fortschrittes sein."
Grup Yorum ist stolz sagen zu können, daß ihre Musik aus und mit der Bevölkerung entstanden ist. Nur das sei wirklich revolutionäre Kunst. Doch gerade weil die Musik von Grup Yorum nicht losgelöst von er türkischen und kurdischen Massenbewegung verstanden werden kann, sind die MusikerInnen einer dauernden Repression von Seiten der Polizei ausgeliefert. Was liegt dieser Unterdrückung zugrunde, wenn sich doch alle MusikerInnen explizit als KünstlerInnen und nicht als PolitikerInnen zu verstehen geben? Die klassischen arabischen, türkischen kurdischen Lieder besingen Schicksale derjenigen, die sich heimlich liegen, sie besingen Helden und schöne Frauen, sentimentale Dramen. Die Liebe zwischen Mann und Frau wird aus dem alltäglichen Leben in die Welt der Musik verdrängt. Insbesondere die arabeske Musik, die "schöne" Unterhaltungsmusik, verschleiert das Elend der Bevölkerung und läßt die Menschen vergessen. Nebst Fußball und TV eine erfolgreiche Methode, die Entpolitisierung der Bevölkerung voranzutreiben! Für KünstlerInnen, die mit ihrer Musik revolutionäre Ideen verbreiten wollen, spielt der Liedertext jedoch eine zentrale Rolle: "Wir gehen in ein Gecekondu, das von der Zerstörung bedroht ist. Dort erleben wir zusammen mit den BewohnerInnen den Widerstand. Zusammen mit ihnen kreieren wir Texte für neue Lieder, für Widerstandslieder. Unsere Lieder entstehen immer zusammen mit der Bevölkerung. So finden unsere Lieder schne3ll Boden bei denjenigen, für die wir unsere Musik machen, den sowohl die Texte als auch die Melodien gehören ihnen." Die Lieder von Grup Yorum mobilisieren die Menschen überall, im kurdischen Osten, in den Städten, an den Universitäten, vor den Fabriken. Die Lieder wachsen mit den ArbeiterInnen, mit den TagelöhnerInnen, sie sind Siegel des Lebens dieser Menschen. Die Sicherheitskräfte schikanieren die MusikerInnen, wenn immer es sie ankommt. Die Unterdrückung von Seiten des Staates gehört denn beinahe zu jedem Konzert, ob es nun stattfindet oder in letzter Minute verboten wird (das Solidaritätskonzert während der Golfkrise wurde nicht bewilligt). "Sie verbieten uns, Konzerte zu geben, darum spielen wir draußen, dort, wo die Leute uns hören wollen." Die Kassetten von Grup Yorum sind eigentlich legal, dennoch werden sie willkürlich in bestimmten Provinzen immer wieder verboten. So wurden in Konya zwei Kinder verhaftet, als die der Musik von Grup Yorum zuhörten. Nicht nur Grup Yorum hat solche Erfahrungen gemacht. "Eine kurdische Kassette einer anderen Gruppe ist neulich erschienen. Die Kassette wurde sofort verboten und das Studio, das für die Aufnahmen verantwortlich war, gewaltsam geschlossen. Wir waren bereits 1984 vor Gericht, weil wir kurdische Leder sangen. Wenn wir nächstens die geplante Kassette auf kurdisch aufnehmen, werden wir sicher verhaftet. Daran ändert auch die neue Gesetzgebung nichts, die dir kurdische Sprache legitimieren soll. Denn es liegt nicht eigentlich an der Sprache, Sie finden immer Gründe um uns zu verhaften. Es liegt dran, daß sie unsere Stimmen und die des Volkes zum Schweigen bringen wollen." Indim
maden ocagina Ich
bin in den Hochofen gestiegen Yürü
derler, Yürü derler, Lauf
doch, sagt man, lauf doch .....................................................................................................(Ein Lied aus dem Bergarbeiterstreik 1990) Rasiermesser werden zu Panflöten Grup
Yorum ist überzeugt, daß sie mit ihrer Form von Widerstand
viel erreichen kann. Ihr Wille weiterzumachen ist stark. Das zeigt auch
die Geschichte der Kassette CEMO, die 1989 aufgenommen wurde. Cemo ist
im Gefängnis in Merin entstanden. Unter dem Vorwand, die MusikerInnen
von Grup Yorum würden an illegalen Demonstrationen teilnehmen, wurde
das vorgesehene Konzert verboten und die KünstlerInnen inhaftiert.
"Sie konfiszierten unsere Instrumente. Doch wir akzeptierten nicht,
daß unsere Musik so zum Schweigen gebracht wird. So fanden wir neue
Instrumente in der Zelle: aus Schläuchen wurden Flöten, Wegwerfrasierm4esser
banden wir zu Panflöten zusammen, die Radiatoren dienten als Schlaginstrumente.
So ist "Cemo" entstanden." |
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